P A O L O   A L L I A T A


 

DAS WEINHAUS Paolo, wann hast Du begonnen eigenständig im Piemont Wein zu produzieren und wo lag dabei die größte Herausforderung? Wie groß ist heute Dein Betrieb und wie viele Flaschen werden in etwa jährlich produziert?

Nach meinem Stage in St. Emilion auf Canon-La-Gaffelière, war mir klar, dass es mein Ziel  war, ein eigenes Weingut zu betreiben und die ideologischen Gründsätze, die Graf von Neipperg mir beigebracht hatte in die Praxis umzusetzen. Ich wollte Terroirweine mit großer Persönlichkeit schaffen. 1997 glaubte ich, in Agliano Terme, und besonders in Villa Terlina, das richtige Terroir gefunden zu haben. Dann habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Am Anfang waren es nur 5 Hektar bestockte Fläche, inzwischen sind es 7,5  davon wurde 1 Hektar 2010 mit Nebbiolo neu bepflanzt, der aber noch nicht in Produktion ist. Jährlich werden etwa 30.000 Flaschen produziert.

DAS WEINHAUS Das Weingut Villa Terlina liegt in Agliano Terme. Was sind die Besonderheiten dieser Gegend und wo genau liegt das größte Potenzial?

Agliano war schon immer als Weingegend sehr gepriesen, und es ist kein Zufall, dass viele berühmte Weinproduzenten hier Weinberge besitzen. In erster Linie sind der Boden und die klimatischen Bedingungen  ausgesprochen geeignet für die Rotweinproduktion. Die Lage und Exposition von Villa Terlina - sonnig und immer leicht windig - sind ideal. Außerdem habe ich hier zwei verschiedene Bodenarten vorgefunden: Mergel und Kalkstein und Mergel mit Gips. Die geben den Weinen besondere Eigenschaften.

DAS WEINHAUS Seit einigen Jahren wird nach biodynamischen Richtlinien gearbeitet. Was war der Anstoß dazu und wie wirkt sich diese Arbeit langfristig auf die Natur und die Weine aus?

Am Anfang habe ich nach umweltfreundlichen Richtlinien gearbeitet, die jedoch den Einsatz von chemischen Produkten erlaubten. Wie du weißt, muss im Monsicuro alles per Hand gemacht werden, weil der Traktor dort nicht fahren kann. Dieser Weinberg war schon von Anfang an praktisch pestizid- und unkrautvernichterfrei. Im Jahre 2006 kam die Idee, gerade hier mit den ersten biodynamischen Experimenten  anzufangen und nach zwei Jahren, seit 2008, werden alle Weinberge nach biodynamischen Methoden bearbeitet. Mein Weingut besteht  zu zwei Dritteln aus alten Rebbergen (zwischen 50 und 80 Jahren alt). Meiner Meinung nach war dieses Naturkapital unbedingt zu schützen, und die Ergebnisse haben mir Recht gegeben. Inzwischen finde ich, dass die Weine das Terroir viel besser als vorher widerspiegeln.

DAS WEINHAUS Die Region Asti steht immer etwas im Schatten von Alba sowie den berühmten Ortschaften Barolo und Barbaresco. Was könnt Ihr hier in Agliano Terme, was dort nur schwer möglich ist?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Bis zum XIX° Jahrhundert waren die Weine der Region Asti sehr berühmt und geliebt. Es ist bekannt, dass die Franzosen – darunter auch Stendhal - die „Vini dell’Astigiano“ sehr lobten. Dann kamen aber die dunklen Zeiten. Ich bin überzeugt, dass die Winzer der Gegend heutzutage den Trumpf der Typizität spielen und originelle,  unstandardisierte und immer unterscheidbare terroirtypische Weine auf den Markt bringen sollten. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

DAS WEINHAUS Im letzten Jahr hattet Ihr mit großen Wetterkapriolen zu kämpfen. Erzähle und kurz davon und wie ist die aktuelle Situation für Euer kleines Weingut?

Der Jahrgang 2012 war im Piemont ausgezeichnet. Leider hatten wir am  21. Juni in unserer Gegend einen Wirbelsturm, der erheblichen Schaden angerichtet hat. Bei der Weinlese haben wir gut 50% der Produktion eingebüßt. Die Qualität hat trotzdem nicht gelitten, und dafür kann ich ein weiteres Mal der Biodynamik danken. Nach dem Sturm habe ich die Weinberge zehn Tage lang erst mit Hornkiesel und danach mit einem biodynamisierten Kräutertee aus Brennnessel, Weide und Hornmist gespritzt. Die Pflanzen haben sich innerhalb von drei Wochen erholt und  auf den folgenden – unvermeidbaren -  Mehltauangriff richtig gut reagiert.   Natürlich sind die getroffenen Trauben trotzdem verloren gegangen. Im Moment beschäftigen wir uns mit dem Rebschnitt, der alles andere als einfach ist nach so einem Schaden. Ich bin gespannt auf die Reaktion der Pflanzen im April-Mai.

DAS WEINHAUS Der internationale Weinmarkt ist heutzutage stark umkämpft und die wirtschaftliche wie politische Situation in Italien bringt auch ständig Veränderungen mit sich. Wie sieht die Zukunft kleiner Betriebe aktuell und in Zukunft aus? Gibt es da eine zu erkennende Tendenz?

Da der Wein ein Genussmittel ist, ist er sehr abhängig vom Zustand der Weltwirtschaft. Die Krise ist klar spürbar. Mit Blick in die Zukunft hoffe ich, dass die Sensibilität der Weinliebhaber sich immer mehr auf die individuellen Weinen  richten wird. Ich sehe, dass das  Interesse groß ist. Die italienische Politik lassen wir lieber beiseite. ;o)

DAS WEINHAUS Du produzierst zum Großteil Rotweine aus der Rebsorte Barbera. Was zeichnen Deine unterschiedlichen Weine aus und wo genau liegt der Unterschied?

Starten wir beim Bricco Francia: er kommt aus einem zehn Jahre jungen Weinberg, der tendenziell noch nicht den Charakter des Terroirs  zeigen kann. Deswegen wird er jung abgefüllt und sollte auch jung getrunken werden um seiner Frische und Frucht willen. Ich habe allerdings neulich einen 2009er getrunken, der noch viel Charakter und keine Spur von Alterung zeigte.  Erfahrene biodynamische Kollegen sagen  , dass das kein Zufall ist.... Gradale und Monsicuro sind beide vom unterschiedliche Terroir geprägt. Der Gradale kommt aus Mergel- und Kalksteinboden und ist von Fruchtsüße – Brombeerenaroma! - betont, mit nuancierten Gewürz- und Röstnoten. Der Monsicuro kommt im Gegenteil vom Gipsboden und  ist eher mineralisch/erdig  mit typischen Graphit-, Zedernholz- und Heidelbeer- und Preiselbeernoten. Die unterschiedlichen Böden spielen hier eine entscheidende Rolle. Da alle Weinberge über ein hervorragendes Gleichgewicht verfügen, sind beide Weine sehr strukturiert und ausbalanciert.

DAS WEINHAUS Viele Weintrinker halten das Piemont mittlerweile als überteuert. Wie siehst Du das aus Deiner Sicht als Winzer vor Ort? Ist bei den Top-Weinen der Region inzwischen preislich eine Grenze erreicht?

Ich glaube, das Preis/Qualität Verhältnis in der Region Asti ist sehr korrekt. Dass einige Etiketten überschätzt sind, passiert überall; die repräsentieren aber eine minimale Menge der gesamten Weinproduktion.

DAS WEINHAUS Wie wichtig ist für Dich der Export Deiner Weine. Wäre es nicht einfacher alles ab Hof zu verkaufen?

Etwa 95% meiner Produktion wird im Ausland verkauft. Natürlich wäre es einfacher, direkt an Privatkunden zu verkaufen. Im Piemont gibt es diese Kultur des Selbstabholens für den Bereich der Flaschenweine nicht. Manche Freunde aus Frankreich verkaufen bis zu 50% ab Weingut! Davon kann ich nur träumen!

DAS WEINHAUS Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass fast alle guten Winzer auch ausgezeichnete Köche sind. Was empfiehlst Du zu Deinen Lagen-Barberas „Gradale“ und „Monsicuro“?

Den Monsicuro mit seiner Komplexität empfehle ich als Begleiter zu kräftigen Fleischgerichten, Wild sowie zu reifem Käse wie zum Beispiel 36 Monate altem Parmesan. Der Monsicuro ist auch ein exzellenter Kumpan für einen Winterabend vor dem Kamin. Der Gradale passt sehr gut zur traditionellen piemontesischen Küche: Agnolotti, Fonduta, Brasato. Seine Struktur, begleitet von einem sehr frischen Finale, ist auch sehr geeignet  zu Gänse- oder Schweinefleisch und zu sehr würzigen Gerichten.

DAS WEINHAUS Sicherlich verkostest Du über´s Jahr hinweg auch viele Weine von Kollegen. Welches Etikett blieb Dir dabei ganz besonders in positiver Erinnerung?

Schwere Frage! Von den Weißweinen die ich 2012 probiert habe, haben mich zwei besonders begeistert: der  Riesling Uhlen 1 Roth Lay 2002 von Reinhard Löwenstein und der En Vesvau, St. Aubin Chardonnay 2010 von Dominique Derain. Unter den Rotweinen: Chianti Classico Riserva 2009 von Riecine, Bosco del Falco 2008 Aglianico del Vulture von Cecilia Naldoni,  und   Monsicuro 1998.  

DAS WEINHAUS Herzlichen Dank für das nette Gespräch!

 

 


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